Der Künstler hasst die Kunst

11.03.2026 (geschrieben am 26.9.2025)

Der Mensch ist geschaffen, um Kultur zu schaffen. Kunst, also die Erzeugnisse, die wir kreieren, ohne dass diese einen praktischen Nutzen haben müssen, sind so alt, wie der Mensch selbst. Man kann also davon ausgehen, der Mensch sehne sich nach der Befriedigung, die wir im erzeugen dieser künstlerischen Ausdrücke verspüren. Wenn also ein quasi Verlangen nach Kunst und künstlerischer Expression im Menschen besteht, so ist es doch nur sinnvoll, den Zugang zu eben diesen Kulturgütern jedem Menschen zu gewähren. In den westlich-kapitalistisch geprägten Gesellschaften unserer Zeit haben jedoch nur wenige die Möglichkeit, sich tiefgreifend mit Kunst auseinanderzusetzen. In diesem Text möchte ich, als Mensch meiner Klasse, meiner Wut Ausdruck verleihen.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Erziehung unserer Kinder abhängig vom Einkommen. Unsere „westlichen Werte“ predigen zwar immer wieder, wie gleich alle Menschen sein, doch die Gleichheit der Menschen spiegelt sich lediglich in der Tatsache wieder, dass alle gleich von deren verfügbaren Finanzmitteln gesteuert werden. Natürlich kann eine Arbeiterfamilie, auch wenn sie sich noch so viel Mühe gibt, nicht das gleiche Geld ausgeben, welches Akademiker und Firmenchefs nutzen, um ihre Kinder zu fördern.
Dementsprechend finden sich in sämtlichen außerschulischen Angeboten für Kinder kaum die Söhne der alleinerziehenden Mütter oder die Töchter der Handwerker, sondern fast ausschließlich die gefühlt geklonten, blond und blauäugigen Kinder mit Doppelnamen, deren Eltern inkognito-arbeitslos, also verbeamtet sind. Kennst du einen Justin, der leidenschaftlich Geige in der Musikschule lernt? Oder ist es doch eher der Karl August, dem man beim Saxophonspielen erwischt?
Kein Mensch in Deutschland kann ein Hobby haben, ohne dafür zahlen zu müssen. Alle Aktivitäten sind käuflich. Man kann nicht einfach so Gitarre lernen, Zeichnen oder Töpfern. Dafür gibt es feste Institutionen, denen man monatlich einen gewissen Betrag zahlen muss, damit man die Erlaubnis hat, sich zu verwirklichen. Klar kann man mal Glück haben und jemanden kennen, der einen kennt, der einem etwas kostenfrei beibringen kann, aber Glück scheint rar zu sein, wenn man sich die deutsche Kulturlandschaft so ansieht.
Sich mit deutscher Kultur auseinander zu setzen bringt nichts als Bluthochdruck. Denn genau diese institutionelle Systematik sorgt dafür, dass niemand tatsächlich schafft. Wer verwirklicht sich hier tatsächlich kreativ? Wie viele Jugendjazz- und Schülerbands braucht es noch, bis reiche Eltern endlich ermüdet davon sind, sich an der Überlegenheit ihrer Kinder-Roboter zu ergötzen?
Die Menge der jungen Menschen, die aus Eigenwille in der Kunst gelandet sind, scheint mir gering. Viel mehr werden die Kinder finanziell stärkerer Familien als eine Art Trophäe genutzt, eine Art, seine intellektuelle Überlegenheit gegenüber den ungebildeten und barbarischen Proleten auszudrücken. Es heißt nicht: „Mein Sohn ist in der Musikschule, weil er Interesse daran hat.“, sondern: „Mein Sohn ist in der Musikschule, weil er besonders intelligent ist.“

In meinen Gesprächen mit solchen Kindern wird dieses Phänomen noch offensichtlicher. Alle Befragten sagten nicht ein einziges Mal, dass sie Spaß daran hätten. Es sei einfach ein Hobby, das sie machen, weil sie es machen. Irgendwann haben die Eltern nun mal entschieden, dass ab heute Klavier gelernt wird, und dann ist das jetzt eben so.
Und dann werden voll versteift die ewig gleichen Lieder nachgeahmt, welche die Eltern doch so mögen und welche in der Welt der Akademiker doch so gut ankommen, damit man damit prahlen kann, wie sehr man doch Teil dieser illustren Gemeinde von Kulturschaffenden ist. Ob die jungen Leute Brahms und Beethoven wirklich so toll finden? Privat hab ich sie das ja noch nie hören hören.

So hat man als Kind des Proletariats die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder man ergibt sich dem liberalen Wahnsinn und biedert sich der nächstgelegenen Beatles-Coverband an, oder man verzichtet darauf sich künstlerisch auszuleben, ganz nach dem Motto: „Das ist ja eh nur für Bonzen.“
So musste ich mir schon oft von Lehrpersonen anhören, dass ich doch in eine Musikschule gehen sollte, da man dort schließlich wirklich lernt Gitarre zu spielen. So ein Geklimpere das kann ja jeder, aber für 50 Euro im Monat kann man ja Notenlesen lernen und zu einem „echten Künstler“ aufsteigen. Den Gipfel der Absurdität erreichte ich gemeinsam mit einem Musiktherapeuten auf der Kinderkrebsstation im Krankenhaus, der mir mit seiner Baskenmütze, eingewickelt in seinem Schal, erzählen wollte, dass ich erst richtig Musik machen könnte, wenn ich Theorie lernte und nur noch Jazz hören würde, da Jazz die einzige richtige Musikrichtung sei und alles andere quasi nur Lärm für dumme Affen sei. Therapeutisch sicher nicht hilfreich, aber vielleicht hatten ja die Schwestern Spaß dabei meinen Puls in die Höhe rasen zu sehen.

Wenn die Arbeiter sich aber dazu entscheiden die geheime dritte Option zu wählen, und zwar einfach ihre eigene Kultur zu schaffen, so sind die promovierten Sesselwärmobjekte entsetzt, als hätte man die heilige Ordnung der Welt ins Wanken gebracht. Aus dieser panischen Angst vor Veränderung und der Möglichkeit, dass man nicht der einzige intelligenzfähige Organismus im Universum sein könnte, diffamiert der bürgerliche Kulturliebhaber sofort die Kunst des Proleten.

Hip Hop ist keine Musik, Punk ist keine Musik, Metal ist keine Musik etc. Denn für den Bürger ist Kunst nur dann Kunst, wenn er sich damit als eine separate, höhergestellte Klasse sehen kann. Statt zu bemerken, dass man in gleicher Weise vom Großkapital in ewiges Leiden getrieben wird, muss sich der Großstadtakademiker vom dreckigen Pack differenzieren, indem er die Kunst der Reichen annimmt. So hört er eben Jazz, Klassik und liebt die Künstler, die von renommierten Kunstkritikern als „Meisterwerke“ bezeichnet wurden. Nicht etwa, weil sie ihm tatsächlich gefallen, sondern weil es ihm ein Gefühl der Überlegenheit gibt. Der Jazz zum Beispiel wurde in seiner Anfangszeit aufgrund seiner afroamerikanischen Wurzeln als „Lärm“ betitelt, bis er von den reichen Weißen der USA appropriiert wurde. Ebenso ist Hip Hop keine Musik, es sei denn ein Weißer interpretiert ihn und nutzt Stilmittel, die bekömmlicher für die Ohren der Doktoren sind.
So war auch Skifahren früher ein Zeitvertreib der Aristokraten, doch als er in der breiten Bevölkerung Anklang fand, verschwanden eben diese wieder aufs Land. Man kann also sagen, dass der Kulturbegriff im Westen nicht viel mehr als eine Abgrenzung ist.
So wundert es mich nicht mehr, dass meine Reise durch die Welt der Künste sich für mich wie ein Labyrinth voller verschlossener Türen angefühlt hat.

So ist es nun. Der Künstler hasst die Kunst. Der Akademiker hat Angst vor ihr und gibt vor sie zu lieben, der Prolet liebt sie doch kann sie nie erreichen. Was bleibt ist gegenseitiger Hass, was bleibt ist ewiges Barbarentum. Alles durch die Kapitalakkumulation einiger weniger.